ATELIER 30

Bastion Kunst & Kulturgarten Rondell

Bastion Kunst & Kulturgarten Rondell

Die Grundlage für eines unserer ersten Projekte bildete das Rondell, ein ehemaliger Wehrturm des landgräflichen Stadtschlosses aus dem Jahr 1523. In Folge der Kriegszerstörung erfolgte 1959 die Neubebauung durch eine funktionale Riegelbebauung, die seit dem als straßenbegleitender Solitär das Regierungspräsidium des Landes Hessen beherbergt. In diesem Kontext stand das Rondell des Stadtschlosses als verwaister Protagonist seiner Zeit. In exponierter Lage zwischen dem Fluss Fulda und der Innenstadt Kassel führte dieser Raum ein Schattendasein der zum Nichtort degradierte an welchem sich die Drogenszene etablierte und jede Form des öffentlichen Lebens bis zum Jahr 2000 absorbierte.
Als für jegliche Form an Architektur und Urbanität interessierte junge selbständige Architekten ohne nennenswertes Auftragspotential, widmeten wir uns euphorisch der Idee des naiven, jedoch unaufhaltsamen Prinzen, dieses Dornröschen zu befreien und dem Ort vom Nichtort zu einem innerstädtischen Archipel des öffentlichen Lebens zwischen Kunst, Kultur und lustvoller Freizeitgestaltung zu entwickeln.
So entstand nach vielen Konzepten, Gesprächen und der Akquise notwendiger Mittel zur Verbesserung des Investitionsvolumens das Projekt als erster Baustein der Kulturgarten Rondell auf dem Geschützturm. Mit einer offenen Bühne und einem selbstentworfenen Container nebst allerlei Krimskrams für die Versorgung möglicher Kunstschaffender und anwesender Gäste startete das Projekt im Sommer 2000 unter der Anleitung von fünf Alphornbläsern, die mit einer entsprechenden Lautstärke keinen Zweifel innerhalb des Kasseler Kulturbürgertums entstehen ließen, dass der Ort ab diesem Zeitpunkt zu einem bedeutsamen Ort der Verständigung und des Gedankenaustausches geworden ist.
Von innerer Euphorie geladen, fanden neben einem Biergartenbetrieb wöchentlich mehrere Kulturveranstaltungen statt, die vom Freilichtkino, Konzerten, Aids-Benefiz Veranstaltungen über Previewveranstaltungen des Staatstheaters bis hin zu Tangoabenden reichten. - Sozusagen wurde in Nordhessen ab diesem Zeitpunkt alles versucht, um den Alltag abwechslungsreicher zu gestalten.
Nun ja, angesichts der vorangegangenen Übertreibungen muss doch darauf hingewiesen werden, dass sich an diesem Ort neben den Protagonisten der Kunsthochschule, der Architekturfakultät und sonstigen kreativen Guerillakämpfern eine äußerst angenehme Gruppierung von Menschen traf, denen das Denken nicht fremd war. Dieser Zustand erleichterte die Sache ungemein.
Aus diesem Prozess heraus entstand im Folgenden die „Bastion Kunst“ im Inneren des Rondells als temporärer Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Den Innenraum des Geschützturmes bildete ein ca. 13 m großer Kuppelbau mit ca. 7,50 m dicken Außenmauern. Als einziger Zugang diente hierbei 1,20 m breiter Gang, der von außen her ins Innere des Raumes führte.
Um den zentralen Kuppelraum für den Besucher als Raum unantastbar zu lassen, da dieser ausschließlich den Ausstellungen gewidmet sein sollte, entwarfen wir am Ende des Ganges einen archaischen Stahlkäfig, der sozusagen eine Beobachtungplattform für den Besucher innerhalb des Raumes darstellte. Gewissermaßen erhielt der Besucher dadurch auch die Rolle des Voyeurs in der räumlich unschuldigen Abgeschlossenheit für die Kunst. In diesem Raum fanden dutzende von Ausstellungen statt. Natürlich ist jede Retrospektive immer persönlich. Daher möchte ich in diesem Zusammenhang zwei Installationen nennen, die das Verhältnis zwischen den ausgestellten Arbeiten und dem Raum für mich besonders intensiv herstellten:
Joseph Delleg installierte im Jahr 2004 sechs Betonmischmaschinen in dem runden Grundriss, welche mit unterschiedlich großen Kiessteinen befüllt, eine rotierende Klangsymphonie entstehen ließen. Im Käfig stehend, rotierte ebenfalls der Klang der Mischer durch den ca. 9 Meter hohen Kuppelraum bevor er auf die eigenen Sinne und den Körper eintraf. Dieser wiederum quittierte dieses archaische Schauspiel mit einer schaurigen Gänsehaut.
Ein anderes Beispiel war die Arbeit „the present of the sun“ von Wolfram dem Spyra. Der Raum wurde dabei zur Kasseler Museumsnacht im Jahr 2006 mit heimischen Kunstrasen belegt. Über einen als Klanginstrument umgebauten Rasenmäher wurde dieser beschnitten, während der Künstler als Protagonist des Mittelstandes im Stechschritt die deutsche Nationalhymne spielte, bzw. den Rasen schön kurz mähte.
Dem Grunde nach provozierte der gesamte Standort irgendwie immer. Nach zwei Jahren ausgedehnten Erfahrungen in einem differenzierten Bezugssystem das sich zwischen Kunst, Liebe, Drogen und Rockmusik bewegte, beschlossen wir nach dem ersten gewonnenen Architektenwettbewerb diesen Umstand als weitere Chance für den zu gestaltenden Raum in unserem Leben zu nutzen.
Im Übrigen existieren noch heute der Kulturgarten Rondell als Biergarten und die Bastion Kunst. Ersterer wird von einem brachialen und aufrichtigen Nordhessenwirt betrieben. Für den Ausstellungsort wurde ein autarker Verein gegründet, in welchem durch Bürgerengagement resultierend, bis heute diverse Ausstellungen stattfinden.
Klar ist es nicht mehr so wie es einmal war. Dies ist jedoch auch mit allem so. – Nur Stillstand verändert sich nie. Was nach über zehn Jahren jedoch bleibt, ist ein Ort, der angenehme Erinnerungen hervorruft und an dem man gerne ist.
Experiment geglückt und die Patienten wurden doch noch Architekten.

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